Michael Riedel

*1972, Rüsselsheim (Deutschland)
Künstler

Werk

Bereits zu Beginn seines Studiums an der Städelschule entwickelt Michael Riedel die Vorstellung von einem funktionierenden Kunstwerk in Form einer sich selbst zeichnenden Zeichnung - der Signetischen Zeichnung1 (1994 -95). Ausgehend von einer Signatur ohne Werk – dem Signet – ist eine künstlerische Vorgehensweise entstanden, die fortan die Werkbeschreibung als eigentliches Werk begreift und dem Anspruch permanenter Neuformulierung folgt.

Die aufgesetzte Papiertüte mit seinem Namen (1998), die anlässlich eines Vortrags entsteht, lässt ihn verschwinden hinter der Selbstbeschreibung als Künstler und der nun einsetzenden Kommentarbedürftigkeit seiner Kunst.

Mit der Idee von Andersartigkeit, mietet er gemeinsam mit Freunden ein Haus in Frankfurt M. an und gründet dort den Kunstraum Oskar-von-Miller Strasse 162 (2000). Dort finden bis zum Abriss des Gebäudes zahlreiche Veranstaltungen statt, die andere Ausstellungen und Kultur Events als Wiederholung fehlerhaft aufführen. Aufnehmen – Labeln – Abspielen wird zum Grundprinzip der künstlerischen Produktion, dessen Höhepunkt der Nachbau der Oskar-von-Miller Strasse 16 in der Ausstellung Kontext – Form – Troja3 (2003) darstellt. Es erscheint die Publikation Oskar – a novel mit der Transkription einer 3-tägigen Anekdotenkonferenz und zahlreichen Abbildungen.
Etwa zeitgleich gründet er mit Freunden das bis heute gut besuchte Künstler-Restaurant Freitagsküche4 (seit 2004), für dessen einjähriges Gastspiel im Museum für Moderne Kunst er die Räumlichkeiten aufwändig gestaltet (2015)5.

Der Vorstellung vom Werk-Ersatz entspricht seine immense Produktion an Postern. An deren Anfang steht die Ankündigung eines Kunstereignisses, das sich aber aufgrund des fiktiven Datums 30. Februar 2004, nicht herstellen lässt. So wird das Poster selbst zum Ereignis, für das weitere Poster dann wieder Werbung machen.

Vier Vorschläge zur Veränderung von Modern im Logo von The Modern Institute (2008) oder auch Vier Vorschläge zur Veränderung von David Zwirner (2008) in dessen Galerielogo, ist der Beginn der Herstellung von Bildern von veränderten Schreibweisen. Die Ausstellung The Quick Brown Fox Jumps Over the Lazy Dog6 (2010) zeigt zum ersten mal Riedels erfolgreiche Poster Painting Serie, die den realen Ausstellungsraum und seine Werke mit digital verfügbaren Informationen durchsetzt.

Basierend auf den Selbstbeschreibungen des Kunstsystems, die er künstlerisch immer wieder aufgreift und als Werkereignis wiedereinführt, entstehen in den folgenden Jahren Museumsausstellungen wie z. B. Kunste zur Text (2012)7 statt Texte zur Kunst, Dual Air [Dürer]8 (2014), CV – Curriculum Vitae (2017)9, Grafik als Ereignis (2018)10 oder auch ˈzɛlpstbəˈʃʁaɪ̯bʊŋ (2019)11, die den selbstreferentiellen Informationsgehalt vervielfacht und Riedels künstlerischer Masse haben anwachsen lassen.

2017 produziert er in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesbank seine eigene Währung in einer Auflage von zusammengerechnet ca. 45 Millionen Riedel auf original Euroschein Papier.

Gemeinsam mit den Architekten Kühn Malvezzi realisiert Michael Riedel ein 4000 qm großes Schriftbild für den Erweiterungsbau des Saarlandmuseums in Saarbrücken (2015–17). Für die sich an den Gebäudefassaden aufklappende Platzfläche verwendet er die politische Debatte des Saarländischen Landtags, der in seiner Sitzung die Realisierung des Bauvorhabens diskutiert.
Als permanente Installation befindet sich außerdem im Neubau der Cornell Tech Universitiy von Thom Mayne/Morphosis auf Roosevelt Island New York ein Deckenbild mit 44 dazugehörigen Table Tops (2017–18), sowie die auf 28 beweglichen Wandpanelen alphabetisch sortierte Reproduktion der Traumdeutung von Sigmund Freud im Sigmund-Freud-Institut Frankfurt M. (2016).

Werk und Publikation

Werkbeschreibende Publikationen haben selbstredend einen besonderen Stellenwert im Werk von Michael Riedel. Zusätzlich zu den Ausstellungskatalogen veröffentlicht er in unregelmäßigen Abständen u. a. Ausgaben seiner eigenen Artforum-Reihe12, die schwarz-weiß gedruckt, dem gleichnamigen amerikanischen Kunstmagazin ähneln. Die grafische Verarbeitung des dokumentarischen Bildmaterials seiner Ausstellungen und Werke ist zugleich Entstehungsmoment neuer Werkentwürfe, die dann wiederholt ausgestellt und abgebildet der nächsten Ausgabe Vorschub leisten. Riedels Publikationen lassen sich als Skizzenbücher lesen, die die Werkbeschreibung selbst zu umreißen versuchen.

Werke in öffentlichen Sammlungen

Centre Pompidou, Paris
The Museum of Modern Art, New York
Haus Konstruktiv, Zürich
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt M.
Städelmuseum, Frankfurt M.
Stedelijk Museum, Amsterdam
Fondation François Pinault, Venice
FRAC Haute-Normandie, Sotteville-lès-Rouen
Saarlandmuseum, Saarbrücken
Yuz Foundation, Hong Kong
u. a.

Seit 2017 ist Michael Riedel Professor für Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.


  1. 1 „Der Werkkomplex Signetische Zeichnung bestehend aus nahezu eintausend Zeichnungen in Form von 61 Blättern und 36 Wachsbüchern, sowie zahlreichen Hilfszeichnungen und Leermaterial ist ein aus Operationen sich zusammensetzendes Gesamtwerk, das theoretisch die Möglichkeit endlosen Zeichnens von Zeichnungen bereitstellt.“ Michael Riedel, Grafik als Ereignis, hrsg. von Matthias Wagner K. u. Eva Linhart, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main 2018, S. 5.
    Die Signetische Zeichnung befindet sich seit 2017 in der Sammlung des Städelmuseums Frankfurt M.  

  2. 2 „Sie können sich das so vorstellen. Entdecke die Möglichkeiten (Ikea). Das Leben ist voller Möglichkeiten (Audi). Nichts ist unmöglich (Toyota). Es geht um einen Raum von Möglichkeiten, von denen aber keine so interessant ist wie der Raum selbst, der die Möglichkeit an sich beinhaltet. So habe ich mir das vorgestellt, als ich 2000 gemeinsam mit Dennis Loesch, Alina Grumiller und Ursula Schöndeling ein Haus in der Oskar-von-Miller Strasse in Frankfurt a. M. mietete, um darin den Kunstraum Oskar-von-Miller Strasse 16 zu gründen.“ Michael Riedel, Oskar – a novel, Koenig Books, London 2014.
    Es existieren zwei verschiedene Ausgaben der Publikation Oskar – a novel.
    Deutsche Erstausgabe der Erzählung der Jahre 2000–03. Michael Riedel / Dennis Loesch, Oskar – a novel, Silverbridge, Paris 2003.
    Die erweiterte englische Ausgabe mit der Erzählung der Jahre 2000–14. Michael Riedel, Oskar – a novel, Koenig Books, London 2014. 

  3. 3 Kontext – Form – Troja, Wiener Secession 2003 [Ausst.-Katalog] 

  4. 4 www.freitagskueche.de 

  5. 5 Die komplette Restauranteinrichtung FKK [MMK] ist Teil der Sammlung des Museums für Moderne Kunst Frankfurt M.  

  6. 6 The Quick Brown Fox Jumps Over the Lazy Dog, Kunstverein Hamburg, 2010 u. a. [Ausst.-Katalog] 

  7. Kunste zur Text, Schirn Kunsthalle, Frankfurt M. 2012 [Ausst.-Katalog] 

  8. 8 Michael Riedel, Dual Air [Dürer], Palais de Tokyo, Paris 2014. [Ausst.-Katalog]
    Dual Air [Dürer] war neben Jacques comité [Giacometti] und EFFJ KNOOS [JEFF KOONS] der zweite Teil der dreiteiligen Ausstellungsreihe (2013–2015) von Michael Riedel im Palais de Tokyo. 

  9. 9 Michael Riedel, CV, Kunsthalle Zürich, 2017 

  10. 10 Michael Riedel, Grafik als Ereignis, Museum angewandte Kunst, Frankfurt M. 2018 

  11. 11 Michael Riedel, ˈzɛlpstbəˈʃʁaɪ̯bʊŋ, Museum der bildenden Künste, Leipzig 2019 

  12. 12 Bisher erschienen Tirala (2005), Meckert (2009), Perlstein (2013) und Fuchs (2017).